WDR 3 Konzert - 10.04.2018

Musik der Zeit [6] Erinnerungsspuren

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WDR 3 Konzert - 10.04.2018

Musik der Zeit [6] Erinnerungsspuren

Erinnerungsspuren nennt Alberto Posadas seinen abendfüllenden Klavierzyklus, der in einem Kammerkonzert bei Musik der Zeit aus der Taufe gehoben wird. Der spanische Komponist reagiert darin auf Klassiker der Klaviermusik.

Alberto Posadas, Lucia Morate

Francois Couperin, Claude Debussy, Robert Schumann, Giacinto Scelsi, Karlheinz Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann hinterlassen vielfältige Erinnerungsspuren. Neu gelesen, interpretiert: als Begleiter auf der Reise in das eigene Klavierwerk. Uraufgeführt wird der Zyklus von Florian Hölscher. Der Stuttgarter Pianist ist mit Alberto Posadas Musik seit langem vertraut. Sie hat ihre Spuren auch in seiner Erinnerung hinterlassen.

Alberto Posadas
Erinnerungsspuren (2014–16) Zyklus für Klavier, Uraufführung
Kompositionsauftrag des WDR, SWR und der Luxemburger Philharmonie

Aufnahme vom 25. März 2018 aus dem WDR Funkhaus Köln

Alberto Posadas komponiert an der Schnittstelle zu anderen Künsten und Wissenschaften. Nur die Musikgeschichte hat er noch nie zum Gegenstand seiner Musik gemacht. In seinem Zyklus "Erinnerungsspuren" für den Pianisten Florian Hölscher ist das anders. In den sechs Werken unternimmt Alberto Posadas eine Reise durch die Historie der Klaviermusik. Jeder Teil des Zyklus konzentriert sich auf ein exemplarisches Werk oder einen Komponisten.

WDR 3: Zitieren Sie in ihrem Zyklus Couperin und die anderen Komponisten, auf deren Werke sie sich beziehen?

Alberto Posadas: Nur in wenigen Ausnahmen. Ich versuche eher, Fragen zu entschlüsseln, die unter der Oberfläche liegen. In "Anklänge an Stockhausen" gibt es allerdings einen recht direkten Bezug. Mein Referenzwerk war sein "Klavierstück IX", in dem er mit Akkordwiederholungen arbeitet. Bei mir ist der Akkord zwar ein anderer und auch die Verarbeitung unterscheidet sich, aber es ist doch ziemlich klar, worauf ich anspiele.

Das einzige Stück, in dem tongenau zitiert wird, ist das letzte des Zyklus, in dem ich auf Bernd Alois Zimmermanns "Monologe" reagiere. Harry Vogt hat das Werk vorgeschlagen. Anfangs war ich dagegen, weil Zimmermann mit Zitaten arbeitet. Genau das wollte ich ja vermeiden. Und ich hatte einfach keine Frage an das Stück. Dann habe ich mich doch darauf eingelassen und musste mich also zwangsläufig dem Problem des Zitats stellen.

In "Anklänge an B.A. Zimmermann" zitiere ich Bach, Beethoven, Debussy, den gregorianischen Gesang Veni Creator und auch Zimmermann selbst. Aber ich verwende das Material nicht so explizit, wie es Zimmermann es gemacht hat. Ich zeige den Hörern nur ein paar Details. Sie sollen den Impuls spüren, auf diese Momente zu reagieren.

WDR 3: Was war die Grundfrage bei ihrer Arbeit über Bernd Alois Zimmermann?

Alberto Posadas: Ich selbst habe mich gefragt, wie man zitieren kann, um einen Erinnerungsprozess in Gang zu setzen. Deshalb zitiere ich auch nicht sehr explizit. Wir erinnern uns an etwas, aber wir vergessen immer einen Teil der Information. Zugleich fügen wir etwas hinzu, von dem wir dann glauben, es sei tatsächlich geschehen. Deshalb ist die Erinnerung so kreativ.

Damit spiele ich. Ich verwende transformierte Zitate und vermische sie mit meiner eigenen Musik. Das ist wie eine Brücke in die Vergangenheit. Ich erkenne etwas, das zu Bach gehört, aber es ist nicht mehr Bach.

WDR 3: In den anderen Teilen von Erinnerungsspuren zitieren Sie aber überhaupt nicht, obwohl Sie sich zum Beispiel auf Claude Debussy beziehen.

Alberto Posadas: Bei Debussy ist mein Bezugsstück "La Cathédrale engloutie". Meine Frage war hier: Wie kann man simulieren, dass ein Klang statt von der Luft von einem anderen Medium übertragen wird.

WDR 3: So wie Debussy mit der Idee einer Unterwassermusik spielt?

Alberto Posadas: Genau. Bei mir ist es aber nicht konkret das Wasser. Ich wollte herausfinden, wie sich der Eindruck erzeugen lässt, dass der Klang einen anderen Ursprung hat als das Klavier.

WDR 3: Hat die Arbeit an "Erinnerungsspuren" ihr Verhältnis zum Klavier verändert?

Alberto Posadas: Durch den Zyklus hat sich für mich fast alles verändert. Ich habe das Klavier vorher nur im Ensemble eingesetzt, aber nicht allein. Jetzt habe ich mit dem Klavier meinen Frieden gemacht. Allerdings nach einem langen Kampf.

Moderation: Johannes Zink
Redaktion: Harry Vogt