WDR 3 Konzert - 01.03.2017

Musik der Zeit [5]: Scanners - 01.03.2017

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WDR 3 Konzert - 01.03.2017

Musik der Zeit [5]: Scanners - 01.03.2017

Das Hamburger Ensemble Resonanz macht derzeit nicht nur die Hansestadt unsicher. Mit einem rein zeitgenössischen Programm gibt die wandelbare Formation ihr erstes Gastspiel bei Musik der Zeit.

Das Hamburger Ensemble Resonanz, Tobias Schult

Streichquartette stehen elektronisch erweiterten Formationen gegenüber. In Scanners tastet Alexander Schubert die Körper der Interpreten ab und inszeniert die Körperlichkeit des Klangs. Bewegungen werden Klang. Geist verwandelt sich in Geste.

Bryce Dessner
Aheym (2012) für Streichquartett

Wolfgang Mitterer
rasch (2012) für String Drum Set, Streicher und Elektronik

Rebecca Saunders
Fletch (2012) für Streichquartett

Alexander Schubert
Scanners (2013/2016) für neun Streicher und Elektronik, Deutsche Erstaufführung

Dirk Rothbrust - Schlagzeug
Alexander Schubert - Elektronik
Ensemble Resonanz

Aufnahme vom 19. Februar 2017 aus dem WDR Funkhaus Köln

Moderation: Johannes Zink
Redaktion: Harry Vogt

WDR 3: Mit Ihrer Komposition Scanners haben Sie ein Stück für Streichquintett geschrieben – eine Gattung, die sich kaum losgelöst von einer langen Tradition behandeln lässt. Als Komponist hat man hier möglicherweise mit Erwartungshaltungen zu kämpfen, oder auch mit Vorurteilen, die automatisch an moderne Kammermusik für Streicher geknüpft sind. Wie sind Sie mit dieser Ausgangslage umgegangen?

Alexander Schubert: Als ich die Anfrage bekam, für ein Streichensemble zu schreiben, war ich erst einmal skeptisch und fragte mich, was ich zu diesem beackerten Feld überhaupt noch zu sagen habe. Dieses Problem habe ich gelöst, indem ich den Aspekt der Körperlichkeit hinzu komponiert habe: Die Musiker müssen etliche Bewegungen ausführen, die für ihre Klangproduktion gar nicht notwendig sind. Man kann sich das wie eine Choreographie vorstellen. Die Bewegungen, die ein Streicher beim Musizieren zwangsläufig ausführt, haben mich auf diese Idee gebracht.   
Rein technisch erinnerten sie mich an einen Scanner: Die Saiten werden eingelesen bzw. in einer gleichmäßigen Streichbewegung mit dem Bogen abgetastet. Und um diese Assoziation in etwas Hörbares zu übersetzen, habe ich eine Tonbandspur mit Scan-, Kopier- und Hydraulik-Geräuschen in das Stück integriert. Analog zu diesen Geräuschen führen die Musiker Streichbewegungen in der Luft aus.

WDR 3: Elektronik und Choreographie müssen also vom Rezipienten als zusammengehörig gelesen werden?

Schubert: Genau. Maschinelle Geräusche und Streicherbewegungen zusammenzubringen, fand ich eine interessante Überlegung im Hinblick auf das Bild, das mir bei Streichern in der Neuen Musik oft in den Sinn kommt: In ihrer typischen Überspezialisierung, in der alle erweiterten Spieltechniken perfekt beherrscht werden, liegt für mich der Gedanke des Maschinenhaften nicht weit. So wird in meinem Stück das Streichquintett gewissermaßen als "Aufführungsmaschine" der Neuen Musik reflektiert. Im Mittelteil der Komposition gibt es beispielsweise eine Passage, in der die Spieler typisch virtuose Streichergesten darbieten und die Elektronik eher in den Hintergrund rückt. Manchmal fungiert das Tonband auch als eine zusätzliche, quasi kontrapunktische Stimme; dann gibt es wieder Momente, in denen die Streicherstimmen von der Elektronik gedoppelt werden. Diese Stellen haben eine beinah chorische Wirkung.

WDR 3: Sie haben Scanners nicht erst vor kurzem komponiert, sondern schon 2013. Im gleichen Jahr fand auch die Uraufführung mit dem Ensemble Resonanz statt. Für Musik der Zeit haben Sie das Stück noch einmal überarbeitet. Wieso haben Sie sich für eine Revision entschieden und was hat sich verändert?

Schubert: Eine ganze Menge. Ursprünglich war das Stück für neun statt fünf Streicher angelegt. Ich habe die Anzahl der Musiker so drastisch verringert, da in der großen Besetzung der Fokus etwas verloren ging: Wenn beispielsweise nur wenige Musiker eine Bewegung gemacht haben, saßen immer noch andere daneben, die nichts zu tun hatten. Mit fünf Streichern ist alles mehr auf dem Punkt, und das ist bei der Idee des maschinellen, roboterhaften Spielens sicherlich sinnvoll. Außerdem habe ich das Stück stark gekürzt, so dass die Aktionen insgesamt komprimierter, konzentrierter und auch Kontraste deutlicher erkennbar sind.

WDR 3: Ein weiteres Mittel, das in Scanners sofort ins Auge springt, ist der gezielte Einsatz von Licht. Sie behandeln die Beleuchtung wie eine weitere komponierte Stimme, anstatt sie lediglich als Bühnenlicht zu betrachten. Oft wird es für einige Sekunden vollständig dunkel, und die Spieler sind nicht zu sehen. Damit haben Sie einen zusätzlichen extrinsischen Einfluss auf die Musiker bzw. eine technisch-maschinelle Rahmung ihres Instrumentalspiels geschaffen.

Schubert: Ja, das war mir wichtig. In der alten Version des Stückes, in der ich ohne Licht gearbeitet hatte, empfand ich es als störend, dass immer alle Musiker zu sehen waren, auch wenn sie keine Bewegung machten. Jetzt in der neuen Version habe ich jedem Spieler einen Scheinwerfer zugeordnet. Das heißt die Musiker sind nur dann zu sehen, wenn sie eine Spiel- oder Choreographie-Aktion ausführen. So wirken die einstudierten Bewegungen noch viel mechanischer und akzentuierter. Als Zuschauer ist man nicht von bestimmten Zwischenbewegungen der Musiker – dem Umblättern von Seiten, dem Zurechtrücken der Haare oder Haltungswechseln – abgelenkt. Sprich: Alle Regungen, die etwas Menschliches an sich haben, können einfach ausgeblendet werden. Was übrig bleibt, sind gesetzte, "vorprogrammierte" und synchronisierte Bewegungen. Gleichzeitig können die Aktionen der Musiker auch als etwas Performatives, Lebendiges erlebt werden, wodurch dem Stück verschiedene Lesarten eingeschrieben sind: einerseits das Maschinelle, Roboterhafte, andererseits das Theatrale und Musikalische

Das Gespräch führte WDR 3-Autorin Leonie Reineke.